Impfen und Herdenschutz am Beispiel von Polio

Zum Start in diesem Blog von mir ein Thema, was mir zum einen sehr auf dem Herzen liegt, zum anderen meine Lieblingsthemen Kinderheilkunde und Neurologie mit meinem biographischen Hintergrund (viele Jahre in Israel gelebt) verbindet: Impfen am Beispiel vom Poliovirus.
Das Jahr 2013, meine beiden Frühchen waren gerade geboren, in Israel wurde der Erreger der Kinderlähmung im Abwasser nachgewiesen. Mein erster Gedanke war: Kinderlähmung – ist das noch nicht ausgerottet? Leider nein! Polio ist wieder auf dem Vormarsch, so kam es 2010 in Tadschikistan und in der Folge in Russland zu Ausbrüchen, 2014 gab es dann gleich in mehreren Ländern weitere Ausbrüche (Syrien, Kamerun, Pakistan, Irak und Afghanistan), 2015 den ersten Fall in Europa! (Ukraine). Abgesehen davon gab es den letzten Polio-Fall in Deutschland 1990 – noch gar nicht so lange her, oder?

Wodurch kommt es jetzt zu einem erneuten Auftreten, nachdem das Virus fast ausgerottet war?

Dies kommt vor allem durch Impflücken zustande, so sind in der Ukraine z. B. nur 50% der Bevölkerung geimpft. Da könnte jetzt jemand anmerken, dass in Deutschland die Durchimpfung aber viel höher ist. Das stimmt, jedoch wird seit 1998 mit dem sog. Totimpfstoff geimpft, dieser verhindert zwar eine Erkrankung, nicht jedoch eine Ausbreitung des Virus und er ist weniger wirksam als die Schluckimpfung mit dem sog. attenuierten Lebendimpfstoff. Bei dem Lebendimpfstoff handelt es sich um eine leicht veränderte Variante des krankmachenden Virus, dieses veränderte Virus macht nicht mehr krank, das Immunsystem bildet jedoch Antikörper, die sich dann auch gegen das krankmachende Virus richten. Die Viren vermehren sich im Darm, wodurch in der Folge eine Aufnahme des krankmachenden Virus verhindert wird (und damit auch die Verbreitung), dann werden die Viren mit dem Stuhl ausgeschieden. Dies ist im Falle der Schluckimpfung ganz praktisch, denn wer nicht geimpft wurde, kann sich quasi anstecken und wird dann passiv auch geimpft. Gerade bei Kindern, die Tagesstätten besuchen, funktioniert das wunderbar. Was ist also der Nachteil, bzw. warum wird in Deutschland heute nur noch der Totimpfstoff verwendet? Dies liegt daran, dass es in seltenen Fällen zu einer Mutation (willkürlichen Veränderung) des Virus kommen kann und dieses dann doch krank macht.

Was sind die Symptome der Erkrankung?

Zunächst sei gesagt, dass ca. 90% der Ansteckungen ohne Symptome abläuft. Auch die meisten Erkrankungen sind relativ harmlos – grippeähnliche Symptome wie Fieber, Gliederschmerzen, Durchfall, Erbrechen. Bei ca. einem Drittel der Erkrankten kommt es zu einer Beteiligung des Nervensystems, mit Hirnhautentzündung und manchmal eben der klassischen Kinderlähmung, Poliomyelitis der Fachbegriff. Hierbei entwickeln sich ganz plötzlich schlaffe Lähmungen der Extremitäten und es kann auch zu einer Beteiligung der Atemmuskulatur kommen. Noch Jahre später kann es zu erneuten neurologischen Ausfällen kommen, dem sog. Postpoliosyndrom. Eine spezifische Therapie gibt es nicht, die meisten Symptome bilden sich mit der Zeit zurück, oft bleiben jedoch Schäden zurück, wie z. B. starke Verbiegung der Wirbelsäule (Skoliose), Lähmungen oder auch Durchblutungsstörungen. Wenn es das eigene Kind trifft, ist das der pure Horror und die Statistik die sagt, dass dies sehr selten ist, ist dann herzlich egal. Das ist alles in allem sehr unschön und noch dazu unnötig, könnte doch das Virus schon längst ausgerottet sein.
In Israel war das Gesundheitsministerium nach dem Erregernachweis im Abwasser alarmiert, denn wo ein Erreger im Abwasser, da logischerweise auch ein (bzw. mehrere) Ausscheider in der Bevölkerung und letzten Endes ist es eine Frage der Zeit, bis zum Auftreten der Erkrankung. Die Konsequenz sollte sein, alle Kinder mit der Schluckimpfung zu immunisieren, zusätzlich zu der sowieso schon im Impfplan enthaltenen Impfung mit dem Totimpfstoff. Der Aufschrei war entsprechend groß und es gab endlose Diskussionen – warum sollte man sein Kind einer zusätzlichen Impfung aussetzen, wenn man doch brav alle Impfungen gegeben hatte und die wahren Schuldigen an dem Dilemma, nämlich die Impfgegner ihre Kinder sowieso nicht impfen lassen, weder mit dem einen, noch mit dem anderen Impfstoff? Nunja, hier ging es darum, möglichst einen Herdenschutz zu erreichen, sprich die Bevölkerung möglichst breitflächig zu impfen, um eine Ausbreitung einzudämmen. Und da es sich um einen attenuierten Lebendimpfstoff handelt, ist wie schon oben beschrieben, die Wahrscheinlichkeit gar nicht mal so gering, dass auch die ungeimpften Kinder passiv was davon abbekommen und so geimpft aus der Sache hervorgehen. Irgendwie wird man bei dieser Vorstellung fast schon ein bisschen schadenfroh… Es mussten übrigens nur die nach 2004 geborenen Kinder geimpft werden, alle anderen hatten noch die Lebendimpfung nach „altem“ Impfschema bekommen.

Was nun unser persönliches Dilemma an der ganzen Sache war 

Die Impfung ist für Frühchen nicht empfohlen, da zu wenig über die möglichen Risiken bei dem unreifen Immunsystem der Frühchen bekannt ist. Aus dem gleichen Grund ist die Impfung auch nicht für die Geschwister der Frühchen empfohlen, so dass wir auch den großen Bruder nicht impfen lassen konnten. Gleichzeitig ging er jedoch in einen Kindergarten, wodurch das „Risiko“ einer Ansteckung mit dem veränderten Virus gegeben war, dadurch natürlich auch wieder eine Übertragung auf unsere Frühchen möglich. Wir haben uns in der Zeit viele Gedanken und Sorgen gemacht, aber jetzt nach vier Jahren kann ich froh verkünden: Alle sind heil aus der Sache hervorgegangen! Trotzdem finde ich, dass diese Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, bei dem Thema Impfen auch mal über den eigenen Tellerrand hinweg zu sehen und auch Impfungen wahrzunehmen, deren direkter Nutzen für das eigene Kind nicht sofort ersichtlich ist. Ohne Impflücken würde die Kinderlähmung heute schon der Vergangenheit angehören.

Bildquelle: pixabay pixel2013

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