Kribbel-Krabbel – Karpaltunnelsyndrom

„Oh man, mir schlafen immer mal wieder die Hände ein!“ Dieses oder ähnliches bekomme ich häufig erzählt von Leuten, die wissen, dass ich Neurologin bin. Auch in unserer Sprechstunde ist das sogenannte Kribbeln (Kribbelparästhesien; Ameisenlaufen) oder Taubheitsgefühl immer wieder Thema meiner Patienten. Leider hilft Dr. Google einem hierbei nicht weiter, sondern zählt im Gegenteil dann häufig schwerwiegende Diagnosen wie eine Multiple Sklerose, einen Schlaganfall oder einen Hirntumor auf.

Wenige Fragen und eine kurze neurologische Untersuchung später, sind die o.g. Diagnosen allerdings in den allermeisten Fällen ausgeschlossen.

Zu den Fragen, die ich bei diesen Symptomen regelmäßig stelle, gehören:

1.) Wann schläft die Hand ein? Nachts oder tagsüber? Bei bestimmten Tätigkeiten?

2.) Ist die Hand komplett eingeschlafen oder nur bestimmte Finger?

3.) Bestehen Schmerzen?

4.) Auf welcher Seite sind die Beschwerden? Sind sie Rechts- oder Linkshänder?

5.) Ist Ihnen aufgefallen, dass Sie auf der betroffenen Seite weniger Kraft haben? Ungeschickter sind?

Die Beantwortung dieser Fragen leitet einen meist zu der häufigsten vorkommenden Diagnose bei Einschlafen der Hände: dem sogenannten Karpaltunnelsyndrom, welches von uns Neurologen auch liebevoll mit KTS abgekürzt wird.

Die typischen Antworten auf die oben gestellten Fragen lauten somit:

1.a) „Ich wache sehr häufig nachts auf und muss die Hand dann erstmal ausschütteln.“

Anmerkung: Im Liegen wird das Handgelenk häufig abgeknickt und somit die Entstehung des Karpaltunnelsyndroms begünstigt.

1.b) „Ja, wenn ich länger an der Tastatur tippe, schläft meine Hand ein, und ich muss sie ausschütteln.“ oder „Beim Telefonieren schläft mir öfter die Hand ein.“

Anmerkung: Bestimmte Tätigkeiten (Telefonieren, Tippen, usw.) führen ebenfalls zu den klassischen Symptomen eines Karpaltunnelsyndroms.

2.) „Nein, Sie haben recht. Es sind nur der Daumen, Zeige- und Mittelfinger davon betroffen.“

Anmerkung: Das Versorgungsgebiet des Medianus Nerven (Nervus medianus) beschränkt sich auf den Daumen, Zeigefinger und den halben Mittelfinger. Da dieser Nerv beim Karpaltunnelsyndrom betroffen ist, treten klassischerweise Symptome genau im Bereich dieser Finger auf. In seltenen Fällen kann dieses auch variieren, z.B. wenn anlagebedingt eine andere Nervenversorgung vorliegt.

3.) „Ja, manchmal habe ich sehr starke Schmerzen in der Hand/Schulter.“

Anmerkung hierzu: Die Erkrankung nennen wir auch manchmal: Brachialgia nocturna intermittens. Dieser lateinische Begriff beschreibt das Krankheitsbild eigentlich sehr schön: zeitweilig auftretende, nächtliche Schmerzen.

4.) „Ich bin Rechts/Linkshänder und die betroffene Seite ist in der Tat rechts/links.“

Anmerkung: Häufig ist die dominante Hand klinisch betroffen. Wenn man dann allerdings eine Nervenmessung (Nervenleitgeschwindigkeit) durchführt, sieht man auch Veränderungen an der anderen Seite.

5.) „Nein.“

Anmerkung: Diese Frage sollte eigentlich mit Nein beantwortet werden, denn Lähmungserscheinungen oder Ungeschicklichkeiten gehören zu einem beginnenden Karpaltunnelsyndrom nicht dazu und können auf andere Ursachen des Kribbelns oder Taubheitsgefühls hinweisen. Im späteren Stadium sind Lähmungen und Muskelschwund jedoch auch bei einem Karpaltunnelsyndrom nachweisbar.

VORSICHT: Sollten andere Symptome wie z.B. eine halbseitige Gefühlsstörung, Taubheitsgefühl im Gesicht, Lähmungen am Arm, Ungeschicklichkeiten, Sprech- oder Sehstörungen auftreten, empfehle ich ein sofortiges Aufsuchen eines Arztes, Neurologen oder der Notaufnahme.

 

Was genau ist ein Karpaltunnelsyndrom?

Bei einem Karpaltunnelsyndrom kommt es zu einem sogenannten Engpass des Medianusnerven (Nervus Medianus) im Karpaltunnel. Der Karpaltunnel befindet sich im Bereich des Handgelenks und wird von den Handwurzelknochen unten, Muskeln und Sehnen an beiden Seiten und einem straffen Band (Ligamentum carpi transversum) oben begrenzt. In diesem kleinen Tunnel laufen verschiedene Sehnen, Muskeln und auch der genannte Medianusnerv. Wenn es nun innerhalb des Tunnels zu eng wird, kommt es zu einer Nervenschädigung dieses Nerven, welche sich durch Kribbeln und Taubheitsgefühl des entsprechenden Versorgungsgebiets bemerkbar macht.

Wie wird das Karpaltunnelsyndrom diagnostiziert?

Die Diagnose kann sowohl durch einen Hausarzt als auch einen Neurologen gestellt werden. Die oben genannten Fragen und Antworten beschreiben ein typisches Karpaltunnelsyndrom. Ergänzt wird die Anamnese durch eine neurologische Untersuchung, bei der das Berührungsempfinden, die Reflexe und die Kraft geprüft werden. Ein typisches diagnostisches Testverfahren ist der sogenannte Phalen Test, bei dem die Handgelenke durch den Arzt manuell Richtung Unterarm gebeugt werden, um die Enge im Bereich des Karpaltunnels zu simulieren. Hierbei wird man als Patient schnell das typische Kribbeln oder Taubheitsgefühl der Finger bemerken. Sollte Unsicherheit bestehen, kann weiterhin eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) oder ein Ultraschall des Karpaltunnels mit Messung des Nervenquerschnitts durchgeführt werden.

Die wichtigste Frage für einen Patient ist jedoch: Wie behandele ich mein Karpaltunnelsyndrom?

Ein leichtes Karpaltunnelsyndrom, welches bisher keine Lähmungen oder Muskelschwund verursacht hat, kann mit einer volaren Unterarmschiene behandelt werden. Diese volare Unterarmschiene wird ausschließlich nachts getragen und soll verhindern, dass man als Patient das Handgelenk im Schlaf unbewusst beugt. Dieses Beugen in der Nacht gilt als Haupt- und Mitursache eines Karpaltunnelsyndroms. Häufig bildet sich hierunter die Symptomatik recht schnell wieder zurück.

Sollte dieses nicht ausreichend sein und die Symptomatik weiter bestehen, muss eine operative Therapie in Betracht gezogen werden. Hierbei wird das Band, welches den Karpaltunnel nach oben abschließt, gespalten, so dass der Medianusnerv wieder ausreichend Platz hat und sich erholen kann.

 

Zu guter Letzt sind auch Ärzte nicht davor gefeit, ein Karpaltunnelsyndrom zu bekommen. Hier kann ich von mir selbst berichten: Ich habe in all meinen 3 Schwangerschaften unter einem nächtlichen Karpaltunnelsyndrom gelitten. Bei mir war, wie bei den meisten Patienten, die dominante Hand betroffen und ich bin häufig nachts aufgewacht und hatte taube Finger. Ein Karpaltunnelsyndrom in der Schwangerschaft ist übrigens nicht selten, denn durch die Wassereinlagerungen kann der Karpaltunnel ebenfalls eingeengt werden. Hierbei die gute Nachricht: Nach der Schwangerschaft ist meistens alles wieder vorbei!

Bildquelle: Pixabay, Hans

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