Termindruck – Stress für alle Beteiligten

Wer kennt sie nicht, diese Situation? Auch medizinisches Personal erlebt sie immer wieder. Man hat einen Termin und wartet trotzdem teilweise gefühlte Ewigkeiten, bis man endlich in den Behandlungsraum gerufen wird.

Während der Ausbildung wurde uns schon der Rat gegeben, als Patient von einer Praxis Abstand zu nehmen, bei der man sich die Termine nach Wunsch aussuchen kann. Qualität statt Quantität.

Unterschied in den Fachrichtungen

In Facharztpraxen kann die Terminplanung soweit gut organisiert werden, da je nach Fachgebiet seltener mit Notfällen gerechnet werden muss und spezielle Untersuchungen und Behandlungen zeitlich quasi exakt geplant werden können.

Bei Allgemeinmedizinern und Hausärzten sieht es leider (oder zum Glück?) etwas anders aus.
Geplant werden die Sprechstundentermine im 10-Minuten-Takt. 6 Patienten pro Stunde, 24 Patienten während der Vormittagssprechstunde von 8 bis 12 Uhr.

Ein nicht ganz normaler Tag 

Frau Schmidt steht bereits um 7.45 im Praxisflur. In der Nacht ist ihr Ehemann plötzlich verstorben. Man bringt Frau Schmidt sofort ins Sprechzimmer, spendet ihr Trost und wartet darauf, dass der informierte Arzt hoffentlich zeitiger in der Praxis erscheint.
Der erste Terminpatient ist nun auch eingetroffen, dieser muss aber nun auch warten, da das Gespräch mit der frischen Witwe etwas länger dauert. Natürlich wird er darüber informiert, dass er sich noch etwas gedulden möge – „Wir haben einen Notfall.“

Der Terminpatient wird erst um 8.25 Uhr ins Sprechzimmer gerufen, somit ist das Praxisteam schon fast 30 Minuten im Verzug.

Die weiteren Patienten mit Termin benötigen mal mehr, mal weniger Zeit. Durchschnittlich 10 Minuten kann man aber einrechnen.
Mittlerweile ist es 10 Uhr, der Verzug liegt bei nur noch 15 Minuten.

Herr Müller war für 10 Uhr einbestellt, er wurde gestern aus der Klinik entlassen. Er bespricht mit dem Arzt seinen Befundbericht, die Einnahme der neu verordneten Medikamente und ist besorgt, ob diese wirklich seine Rhythmusstörungen mildern. Zur Kontrolle und Beruhigung lässt der Arzt ein EKG anfertigen, während er sich den nächsten Patienten ins Sprechzimmer ruft.
Das EKG bei Herrn Müller ist geschrieben, der Arzt geht erneut zu ihm, um es auszuwerten. Insgesamt wurde er von Herrn Müller 20 Minuten in Anspruch genommen.

Kurz darauf erscheine ich in der Tür des EKG-Zimmers. „Notfall, ich muss hier rein.“

Eine Patientin mit akuten Beschwerden ist da, aufgrund ihrer Vorgeschichte meldet sich das Bauchgefühl und ein EKG dient zur Absicherung.
Das EKG ist gelaufen, wird dem Arzt vorgelegt, er entschuldigt sich kurz und lässt seinen aktuellen Patienten im Zimmer alleine. „Ein Notfall“ sage ich und folge meinem Chef.
Die Patientin im EKG-Raum wird versorgt und während der RTW mit Notarzt erwartet wird, weicht mein Chef nicht von ihrer Seite. Als der Notarzt eintrifft, erfolgt eine Übergabe, bei der der Notarzt vom Arzt sämtliche wichtigen Informationen über die Patientin bekommt, damit er diese vertrauensvoll in Empfang nehmen kann.

Alltag für uns, Stress für Patienten, MFA und Arzt

So oder auch anders kann es einen Tag in einer Hausarztpraxis ablaufen. Offene Ohren zu jeder Zeit, während die Augen auf den Patienten und nicht auf die Uhr gerichtet sind.

Herzinfarkte, Platzwunden, Entlassungen aus der Klinik, akute Beschwerden jeglicher Art, allergische Reaktionen, ein dringend angeforderter Hausbesuch oder ein plötzlich verstorbener Patient, bei dem der Arzt während der laufenden Sprechstunde einen Besuch zur Leichenschau fahren muss… für die Patienten und Angehörigen sind es dringende Bedürfnisse, die erfüllt werden müssen. Für uns ebenso. Gerne würden die Medizinischen Fachangestellten und Ärzte ihre Termine pünktlich einhalten können, denn jeder Verzug bedeutet auch eine kürze Mittagspause, die häufig für die Fahrt zu bettlägerigen Patienten genutzt wird oder dass man erst am Abend um 20.30 Uhr die Praxistür hinter sich abschließen kann, obwohl die Sprechstunde nur bis 18 Uhr ging.

Termine sind ungefähre Richtzeiten, bei denen man aber eine zusätzliche Wartezeit von etwa 60 Minuten einplanen sollte. Auch wenn man selbst vielleicht nur 5 Minuten in Anspruch nimmt, so gibt es immer wieder Situationen und Erkrankungen, in denen man selbst mit 15 Minuten nicht auskommt. Leider gehen Patienten häufig von kurzen Wartezeiten und pünktlicher Behandlung aus, so dass sie Folgetermine ohne genügend Puffer einplanen. Diesen Zeitdruck äußern sie dann oftmals lautstark, was dann auch Stressituationen für das Praxispersonal entstehen lässt.

Wenn Sie sich beim nächsten Mal in dieser Wartesituation befinden, denken Sie einfach daran, dass Sie selbst der Patient sein könnten, dem es vielleicht schlechter geht. Freuen Sie sich, dass dort am Schreibtisch jemand sitzt, der sich genau die Zeit nimmt, die sein Gegenüber benötigt. Denn irgendwann könnten Sie selbst einmal das Gegenüber sein.

Bildrechte: Flickr, Martin Barth

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