Was ist bloß los mit ihm?

Vor einiger Zeit rief mich meine gute Freundin Susanne an. Sie mache sich große Sorgen um ihren Mann Michael und habe Angst, dass er dement werde. Beide sind mit 45 Jahren im besten Alter und berufstätig. Sie stellen sich den Herausforderungen des Lebens mit drei Teenie-Kindern und lieben es zu reisen.

Nachdem die Kinder diese Sommerferien das erste Mal eigene Pläne hatten, planten Michael und Susanne einen Aktivurlaub in den Alpen.

Die Vorgeschichte:

Susanne erzählte: „Seit einiger Zeit wird der Michael so vergesslich“. „Er lässt seine Sachen irgendwo liegen, zieht sich immer mehr zurück und spricht kaum noch. Auf der Arbeit macht er Fehler und wenn er einkaufen geht, kommt er manchmal nur mit der Hälfte der Sachen zurück. Er lacht auch gar nicht mehr so viel wie früher. Morgens kommt er überhaupt nicht aus dem Bett. Neulich hat er sogar meinen Geburtstag vergessen.“

Vom Symptom zur Diagnose:

Ich schlug ihr vor, dass Michael sich in meiner Sprechstunde vorstellt. Sie kamen gemeinsam zum Termin. Ich hatte Michael fast ein Jahr nicht gesehen – nun stand er vor mir – eingefallen, wie ein Häufchen Elend. Er war ganz in grau gekleidet und sprach mit leiser Stimme. Ich war erschrocken ihn so zu sehen, kannte ich Michael doch als lebensfrohen, sportlichen und aktiven Menschen. Susanne berichtete, dass das nun schon seit einigen Wochen so gehe – Weihnachten sei noch alles gut gewesen, Karneval habe man in Köln gefeiert und danach sei es stetig bergab gegangen. Nun war Mai. Er selbst gab an, dass es ihm unheimlich schwerfalle, sich Dinge zu merken. Er könne sich einfach nicht konzentrieren, lasse alles überall liegen. Er spüre, dass er wohl dement werde. Die Stimmung sei im Keller. Selbst sein Hobby, das Fußballspielen, interessiere ihn nicht mehr. Susanne habe einen Tanzkurs organisiert, damit er mal wieder rauskomme. Das schaffe er nicht. Bald lebe er dement im Heim. Er komme morgens nicht aus dem Bett und nachts könne er weder Ein- noch Durchschlafen. Irgendwie hätten die Farben ihren Glanz verloren. Er könne gar nicht mehr richtig fühlen, keine Freude empfinden. Er liege nur noch auf dem Sofa.

Michael fiel es schwer zu erzählen, immer wieder stockte er im Redefluss, auf viele Fragen antwortete er mit: „Ich weiß nicht.“ Wie solle er bloß die Bergtour im Sommer schaffen? Irgendwie falle er allen nur zur Last. So etwas habe er noch nie gehabt. Er fühle sich schuldig, dass er seiner Frau das Leben vermassele. Manchmal habe er schon gedacht, dass es besser sei, tot zu sein, dann könnten wenigstens die anderen ein vernünftiges Leben leben. Seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, komme für ihn nicht in Frage. Das könne er seinen Angehörigen nicht antun.

Relativ schnell fiel mir auf, dass Michael sehr in sich gekehrt war, im Gespräch wenig mitschwang. Gerne ließ er seine Frau reden, die auf seinen Wunsch mit anwesend war.

Nun war die Frage: Was ist bloß los mit ihm? Er selbst schilderte Gedächtnisstörungen und Insuffizienzerleben (Neigung sich als ungenügend/unzulänglich zu empfinden).

Neben seinem elend-wirkenden äußeren Eindruck, beschrieb er zusammengefasst eine schlechte Stimmung, Freudlosigkeit, einen Antriebsmangel und einen Interessenverlust. Ein Morgentief, Schlafstörungen, ein sozialer Rückzug und Störungen von Konzentration und Aufmerksamkeit lagen ebenfalls vor. Diese Symptome hätten sich über einen Zeitraum von wenigen Wochen entwickelt. Michael war mittlerweile nicht mehr in der Lage seiner Arbeit nachzugehen, der Hausarzt hatte ihn krank geschrieben. Auf Fragen reagierte er teils ratlos-schulterzuckend und stellte seine Fehler und Insuffizienzgefühle sehr deutlich heraus. Michael war zu allen Qualitäten voll orientiert, d.h. er konnte Datum, Situation, Ort und persönliche Angaben alle fehlerfrei angeben.

In der Psychiatrie stellen wir Diagnosen, in dem wir Symptome mit Kriterienlisten abgleichen. Das Klassifikationssystem der WHO, in dem alle Krankheiten, so auch psychische Krankheiten eingeordnet werden, nennt sich ICD-10.(1) Im Abgleich mit den Kriterien erfüllten Michaels Beschwerden die Kriterien einer Depression. Unter einer Depression wird ein Krankheitsbild verstanden, bei dem es aus verschiedenen Gründen (biologisch, Veranlagung, Lebensereignisse) zu den beschriebenen Symptomen kommt, die mindestens zwei Wochen dauerhaft mehr als die Hälfte des Tages bestehen.

Im Rahmen von Depressionen kann es zu Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit kommen, die so stark ausgeprägt sein können, dass es auch für den erfahrenen Psychiater mitunter schwer ist, sie von einer Demenz sicher zu unterscheiden. Die Betroffenen wirken unentschlossen und verlangsamt im Denken. Von daher waren Michaels und Susannes Sorge um eine Demenzerkrankung für mich nachvollziehbar. Gerade bei einer schweren Depression sind die betroffenen Menschen zu einer Mitarbeit bei Untersuchungen auch nur sehr eingeschränkt in der Lage.

Wir besprachen meine Verdachtsdiagnose. Beide konnten sich nach meinen Erklärungen vorstellen, dass Michael an einer Depression leidet. Michael konnte noch ergänzen, dass es weitere Familienangehörige gebe, die an einer Depression leiden würden.

Sonstige diagnostische Schritte:

Wir vereinbarten, dass es Sinn mache grundsätzlich einmal eine Schichtaufnahme vom Gehirn zu machen, um eventuelle behandlungsbedürftige, organische Ursachen auszuschließen. Auch eine körperliche Untersuchung sowie eine ausführliche Analytik des Blutbildes, der Organfunktionen (Leber, Niere), der Körpersalze, Vitamin B12, Folsäure und Vitamin D sowie die Schilddrüsenwerte führten wir durch.

Behandlung und Verlauf:

Wir besprachen aufgrund der Schwere der Symptome eine Einstellung auf ein Antidepressivum – die weiteren Untersuchungsbefunde blieben im Übrigen unauffällig. Durch Antidepressiva werden die Botenstoffe im Gehirn günstig beeinflusst, wodurch es zu einer Rückbildung der Beschwerden kommt. Sehr ausführlich klärten wir darüber auf, dass das Antidepressivum zur besseren Verträglichkeit eindosiert werden muss und dass ein Behandlungserfolg einer Psychopharmakotherapie nur zu erwarten ist, wenn sie regelmäßig eingenommen, ausreichend hoch dosiert und über einen ausreichend langen Zeitraum eingenommen wird. Mit einem Beginn der antidepressiven Wirksamkeit ist nach einer regelmäßigen Einnahme von 10-14 Tagen ca zu rechnen.

Erfreulicherweise konnte Michael in Folgeterminen eine baldige Verbesserung seiner Verfassung feststellen. In einer begleitenden Psychotherapie wurden Belastungsfaktoren aufgearbeitet.

Gleichzeitig mit der Besserung der Stimmungslage in den folgenden sechs Wochen, empfand Michael, dass sich die von ihm als qualvoll empfundenen Gedächtnisstörungen zurückbildeten. Er wurde aktiver und ging wieder zum Fußball. Eine regelmäßige Tagesstruktur, die Bewegung und die Wiederaufnahme seiner Arbeit nach Rückbildung der Symptome sorgten ebenfalls für eine weitere Stabilisierung. Die Lebensqualität besserte sich und die Sorge an einer Demenz zu leiden war verschwunden. Im August traute Michael sich nach einigem Zögern dann zu, die Bergtour mit Susanne in Angriff zu nehmen.

Zusammengefasst litt Michael also einer depressiven Episode, in deren Rahmen es u.a. zu Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen gekommen war.

Mit Behandlung durch Psychopharmakotherapie und Psychotherapie war es zu einer schrittweisen Rückbildung der Depressionssymptome gekommen und Michael wurde wieder ganz „der Alte“. Unter Berücksichtigung der Behandlungsleitlinie wurde ihm empfohlen die Medikation nach dieser ersten Episode mindestens 4-9 Monate einzunehmen.(2)

Regelmäßige Nachsorgetermine nimmt er weiterhin wahr. Mittlerweile hat ein Kollege die Weiterbehandlung übernommen, was den privaten Kontakt zu meinen Freunden für beide Seiten entlastet.

 

  • Dilling, Mombur: Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10, Kapitel V F Klinisch-diagnostische Leitlinien, Hogrefe, 10. Auflage 2015
  • S3-Leitlinie, Nationale Versorgungsleitlinie Depression, 2. Auflage 2017, online

Bildquelle:  Flickr gato-gato-gato

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