„Frau Meier verweigert Essen und Trinken…

… der Hausarzt hat gesagt, sie soll mal medikamentös eingestellt werden“

So oder so ähnlich beginnen Anfragen für die stationäre Aufnahme eines Patienten. Als Altersmediziner setzen wir uns intensiv interdisziplinär mit den verschiedenen Gründen von Ernährungsproblemen auseinander. Dabei verzichten wir auf den sehr weit verbreiteten Begriff der Nahrungsverweigerung, da es sich häufig gar nicht um eine freiwillige, aktive Entscheidung gegen das Essen handelt, sondern es gibt Gründe, warum Menschen nicht mehr essen und trinken.

Definition Mangelernährung

Hinweise für unzureichende Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme (Mangelernährung) im Alter bestehen bei einem Gewichtsverlust von mehr als 5% in drei Monaten bzw mehr als 10% in sechs Monaten oder auch bei einem BMI <20. Ein hoher BMI schließt eine unzureichende Ernährung nicht aus! Risiken der unzureichenden Ernährung sind ein erhöhtes Krankheits- und früheres Sterberisiko.

Essen und Trinken sind Grundbedürfnisse und essentiell für jeden Menschen – die Art der Befriedigung dieser Bedürfnisse ist eine sehr individuelle Angelegenheit und geprägt durch kulturelle, lebensgeschichtliche und gesundheitliche Aspekte.

Ablauf der Untersuchungen

Wenn wir einen Patienten mit Ernährungsproblemen aufnehmen, dann erheben wir zunächst die Krankengeschichte: wie geht es ihm, was denkt er sich, wie sieht die Ernährung für gewöhnlich aus, in welcher Umgebung wir gegessen (alleine oder in Gesellschaft?), was sind seine Vorlieben, was mag er nicht? Protokolle über die Gewichtsentwicklung und die Menge an Flüssigkeitsaufnahme sowie die Essensmengen sind hilfreich. Indirekte Zeichen, wie zu lockere Kleidung, trockene Schleimhäute und stehende Hautfalten sowie eine geringe Urinausscheidung/Verstopfung geben uns ebenfalls Auskunft.

Aus dem, was der Patient uns erzählen kann, erstellen wir einen psychopathologischen Befund, in dem wir zusammenfassen, ob Störungen von Bewusstsein, Gedächtnis, Stimmung, Wahrnehmung und Erleben vorliegen, die die Aufnahme von Flüssigkeit und Essen beeinflussen können.

Danach führen wir eine ausführliche körperliche Untersuchung durch: wir bewerten den allgemeinen Zustand und inspizieren, ob im Bereich des Weges vom Mund bis zu den Ausscheidungsorganen offensichtliche Auffälligkeiten vorliegen. Blutuntersuchungen und weiterführende körperliche Diagnostik wird nach Erforderlichkeit durchgeführt.

So können wir meist eine Diagnose stellen und versuchen Abhilfe zu schaffen oder Umdenkprozesse einzuleiten.

Gründe für Ernährungsprobleme:

Gründe, warum die ausreichende Aufnahme von Flüssigkeit und Nahrung nicht mehr klappt, sind zahlreich und können am Umfeld und am Patienten selbst liegen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen einige Gründe genannt werden, die in meinem Alltag in den letzten Monaten vorgekommen sind.

  • der Patient ist beginnend dement und vergisst Einkauf und Essen
  • der Patient ist depressiv und hat keinen Appetit und keinen Antrieb einzukaufen
  • der Patient ist wahnhaft und hat Vergiftungsängste
  • er lebt nicht gerne im Heim und das institutionalisierte Essen schmeckt fade
  • er ist in der Beweglichkeit eingeschränkt und bekommt es nicht geregelt die Gabel vom Teller zum Mund zu führen
  • der Patient erhält morgens 15 Tabletten und ist danach erstmal „satt“
  • der Patient bekommt im Heim süße Puddings vorgesetzt, die er sein Leben lang noch nicht gegessen hat
  • es fehlen Gesellschaft und Kommunikation zu den Mahlzeiten
  • es wird nicht getrunken, weil man nicht so oft zur Toilette gehen möchte
  • die Zahnprothese ist verschwunden
  • es gibt schmerzhafte Entzündungen/Verletzungen im Mundraum
  • es besteht eine Schluckstörung

Manche dieser aufgeführten Gründe mögen banal wirken und können einfach beseitigt werden. Wichtig ist, dass man daran denkt!

Behandlung von Ernährungsproblemen:

Ernährungsprobleme im Rahmen einer Depression oder bei Wahnvorstellungen (Vergiftungsängsten) erledigen sich in der Regel durch die Behandlung der Erkrankung. Während der stationären Behandlung legen wir Wert auf gemeinsame Mahlzeiten der Patienten und sehen diese als Teil der Therapie. Außerdem machen wir es uns zu Nutze, dass einige Medikamente, die wir zur Behandlung einsetzen, appetitanregend wirken.

Komplexer wird die Situation bei Menschen mit einer Demenzerkrankung.

Bei leichten bis mittelgradigen Demenzerkrankungen kann Unterstützung im Alltag helfen, damit z.B. Einkäufe oder Mahlzeiten nicht vergessen werden.

Grundsätzlich lassen Appetit und Durst im Verlauf einer Demenzerkrankung nach und irgendwann stellt sich bei relevantem Gewichtsverlust die Frage nach der Ernährungssonde.

Inzwischen weiß man, daß eine Sonde zumindest im Stadium der schweren Demenz keinen Überlebensvorteil und keine Verbesserung der Lebensqualität bietet. Im Gegenteil: Ernährungssonden (z.B. PEG-Sonde) sind komplikationsträchtig und wirken sich nachteilig auf das Wohlbefinden aus. Sie ökonomisieren die pflegerische Versorgung unter Verlust einer ausreichenden Zuwendung und Kommunikation. Eine PEG-Sonde ist im Stadium der schweren Demenz nicht mehr empfohlen. (1)

Bei meinen Heimvisiten finde ich es teils furchtbar zu erleben, dass schwerstpflegebedürftige Menschen in einem Zimmer im Bett liegen, Fernseher oder Radio laufen ununterbrochen und zu den Mahlzeiten kommt eine Pflegekraft herein, lagert den Bewohner, hängt die Sondenkost an und verlässt das Zimmer wieder. Nein – ich mache den Pflegekräften keinen Vorwurf! In Zeiten knapper pflegerischer Ressourcen leisten sie häufig Übermenschliches und versuchen jedem Einzelnen gerecht zu werden. Die politische und gesellschaftliche Einsicht in die Stärkung der Pflege ist unabdingbar!

Wo bleibt der Aspekt, dass Essen und Trinken Genuss und Lebensfreude sind? Es geht bei Ernährungsproblemen nicht nur um die reine Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, sondern es geht um Leben!

Es ist normal, dass Appetit und Durstgefühl mit Fortschritt der Demenz nachlassen. Der Respekt vor dem Menschen gebietet, dass seine Bedürfnisse wahr- und angenommen werden. Wunschkost zu Wunschzeiten und einfach zu bewältigendes Fingerfood können nun hilfreich sein, die ausreichende Nährstoff- und Flüssigkeitszufuhr sicher zu stellen. Kalorische Anreicherung oder auch kreative geschmackliche Anpassung von Getränken können die Akzeptanz erhöhen. Solange keine schwerwiegenden medizinischen Gründe dagegen sprechen (z.B. Schluckstörungen), sollte die Stimulation zur Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme immer da sein, der Patient aber nicht massiv gedrängt werden, wenn er nicht möchte. Auch Logopädie kann ergänzend Sinn machen. Patientenverfügungen können helfen den Willen festzustellen und eine palliative Begleitung des Patienten in der letzten Phase der Erkrankung zu gewährleisten. Die Angst, dass der Patient/Angehörige/Bewohner verhungern oder verdursten könnte, ist unter Ärzten, Angehörigen und Pflege groß und so sterben vor allem in Krankenhäusern viele Menschen mit der Infusionsnadel im Arm, auch wenn die Palliativmedizin gezeigt hat, dass die Flüssigkeitsgabe in der Sterbephase eher Nach- als Vorteile hat.

Bei oben genannter „Frau Meier“ war die Zahnprothese lange nicht entfernt worden und es hatte sich eine eitrige Kieferentzündung entwickelt. Nach zahnärztlicher Behandlung hat sie wieder mit gutem Appetit gegessen. Auf uns wirkte es banal. Aber es hatte vorher keiner darüber nachgedacht.

Ernährung soll auch im Alter Freude machen

Wenn Sie also einen Angehörigen/Bewohner/Patienten mit Ernährungsproblemen haben, dann denken Sie an die verschiedenen Gründe, die sie selbst oder mit ärztlich-pflegerischer Unterstützung verbessern können. Denken sie individuell. Aber denken Sie bitte auch daran, dass Essen und Trinken sinnliche und soziale Angelegenheiten sind.

Eine angenehme Atmosphäre, Ruhe, Zeit, sofern möglich eine gemeinsame Vorbereitung, gemeinsames Erleben, Kommunikation, abwechslungsreiches gewürztes Essen, die Betonung der Freude an der gemeinsamen Nahrungsaufnahme… all das kann Ernährungsprobleme günstig beeinflussen.

In diesem Sinne: feiern Sie ihre nächste Mahlzeit in Gesellschaft. Guten Appetit!

 

  • Volkert D et al: S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin: Klinisch Ernährung in der Geriatrie, Aktuel Ernahrungsmed 2013, 38, e1-e48

Bildquelle: Pixabay, silviarita