Nur ein Zittern, oder doch schon Parkinson?

Im Rahmen meiner Ambulanztätigkeiten habe ich über mehrere Jahre die Ambulanz für Bewegungsstörungen betreut. Hierbei wurde ich sehr häufig mit Patienten konfrontiert, deren Kopf und/oder Hand/Hände zitterten. Sie stellten sich mit der Frage vor: Bedeutet dieses Zittern, dass ich eine Parkinson-Erkrankung habe?

Es stimmt, dass die Parkinson-Krankheit im Volksmund auch Schüttelkrankheit heißt, trotzdem bedeutet nicht jedes Zittern automatisch, dass eine Parkinson-Erkrankung vorliegt. Es gibt viele andere mögliche Ursachen für ein Zittern des Kopfes oder der Hände.

Ich empfehle jedem Patienten eine Vorstellung bei einem guten Neurologen, der mit wenigen Untersuchungen erste Hinweise für die Ursache des Zitterns (von uns auch Tremor genannt) finden wird.

Bei mir in der Ambulanz würde die Vorstellung und Untersuchung wie folgt ablaufen (N=Neurologin; P=Patient):

N: „Guten Tag Herr M.. Sie sind nun das erste Mal in der Ambulanz für Bewegungsstörungen. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“

P: „Seit etwa einem Jahr habe ich ein Zittern der Hände bemerkt. Ich kann nicht mehr richtig Kaffee trinken, ohne dass mir der Kaffee überschwappt. Suppe esse ich schon seit einiger Zeit nicht mehr, da das Zittern immer mehr zunimmt, je dichter ich mit dem Löffel an meinen Mund komme und dann alles herunterläuft. Ich habe das Gefühl, alle Menschen beobachten mich, und ich versuche die Situation zu vermeiden.“

N: „ Die Symptomatik besteht also seit einem Jahr? Nimmt das Zittern denn langsam zu? Sind beide Hände gleich betroffen?“

P: „Links ist etwas mehr betroffen als rechts. Ein wenig gezittert habe ich schon seit Jahren, jetzt nimmt es allerdings deutlich zu.“

N: „Gibt es in Ihrer Familie jemanden anderen, der auch gezittert hat? Vielleicht die Eltern oder Großeltern?“

P: „Mein Bruder zittert ebenfalls ein wenig und mein Opa hat immer beim Essen seine Suppe verschüttet.“

N: „Wird das Zittern besser, wenn Sie mal Alkohol getrunken haben, z.B. nach einem Gläschen Sekt oder so?“

P: „Das ist mir bisher nicht aufgefallen.“

Einwurf der Ehefrau: „Doch, dann ist es etwas weniger. Er trinkt aber nicht viel Alkohol.“

N: „Sind Ihnen andere Symptome aufgefallen? Gehen Sie langsamer? Hat sich Ihr Schriftbild verändert? Hat sich die Mimik verändert? Schwingen Sie beim Gehen mit beiden Armen gleichzeitig? Haben Sie Feinmotorikstörungen bemerkt?“

P: „Nein, ich bin immer noch gut zu Fuß. Die Mimik ist unverändert, denke ich. Die Schrift ist etwas krakeliger und zittriger geworden. Aber ansonsten ist mir nichts aufgefallen.“

N: „Haben Sie noch andere Erkrankungen? Nehmen Sie Medikamente ein? Sind die Schilddrüsenwerte mal kontrolliert worden?“

P: „ Ich nehme manchmal Ibuprofen ein, wenn ich Rückenschmerzen habe, ansonsten nichts weiteres. Meine Schilddrüsenwerte kenne ich nicht.“

N: „Wie alt sind sie?“

P: „ Ich bin 62 Jahre alt und seit einem Jahr berentet.“

N: „Sehr schön, Hr. M. Dann würde ich sie jetzt gern einmal untersuchen.“

 

Neben der normalen neurologischen Untersuchung, achte ich auf einige spezifische Dinge ganz besonders:

Essentiell ist die Beurteilung des Zitterns (Tremors). Ist dieser hauptsächlich in Ruhe (Ruhetremor) oder nur bei bestimmten Haltetätigkeiten oder Aktionen sichtbar (Halte- bzw. Aktionstremor, manchmal auch gemischt). Ist er bds. vorhanden? Welche Seite ist dominant?

Ich mache verschiedene Fingerübungen, um eine mögliche Verlangsamung festzustellen und teste den Muskeltonus auf einen sogenannten Rigor. Der Rigor ist eine Muskelsteifigkeit, die auf eine Parkinson-Erkrankung hinweisen kann. Ich nehme immer eine Schriftprobe, um zu sehen, ob die Schrift nur aufgrund des Zitterns verändert ist oder ob sich im Verlauf der Probe zusätzlich eine verkleinerte Schriftgröße zeigt.

Jeden Patienten lasse ich ferner im Flur auf und ab gehen, um das Mitschwingen der Arme zu beurteilen, die Schrittgröße und die Wendeschrittzahl. Alle diese Untersuchungen sind Teil des UPDRS Motor-Scores, also einer Untersuchung, die bestimmte motorische Fähigkeiten testet und über eine Punktzahl einen Schweregrad einer möglichen Parkinson-Erkrankung ermittelt.

Am Ende der Untersuchung kann ich Hrn. M. beruhigen:

N: „So, nachdem ich Sie ausgiebig neurologisch untersucht habe, habe ich keine weiteren Hinweise auf eine Parkinson-Erkrankung gefunden. Das Gangbild ist komplett unauffällig und eine Muskelsteifigkeit nicht nachweisbar. Ich denke, dass es sich bei Ihrem Zittern am ehesten um ein vererbbares Zittern, dem sogenannten essentiellen Tremor handelt. Das ist eine vererbbare Erkrankung, so dass häufig bereits ein Eltern- oder Großelternteil davon betroffen war. Meist sind die Patienten zwischen 50-60 Jahre alt, manchmal auch jünger. Das Zittern wird häufig nach Genuß von Alkohol besser. Ich werde noch einmal Blut abnehmen, da z.B. eine Überfunktion der Schilddrüse ebenfalls ein Zittern der Hände hervorrufen kann. Auch eine Störung der Nierenfunktion oder der Blutsalze könnte einen Tremor verstärken. Allerdings spricht die Art des Zitterns bei Ihnen stark für einen essentiellen Tremor.“

P: „Ist dieser Tremor/das Zittern heilbar?“

N: „Leider nicht. Man kann versuchen, das Zittern medikamentös zu beeinflussen, wenn es die Patienten zu stark stört. Es gibt bei dem vererbbaren Tremor einige Medikamente, die zugelassen sind, allerdings sind diese nicht primär für das Zittern entwickelt worden, und es können hierbei immer Nebenwirkungen auftreten. Über 60-jährige Patienten würde man mit Primidon behandeln. Primidon ist ursprünglich ein Präparat, welches bei Patienten mit epileptischen Anfällen eingesetzt wurde. Bei der Behandlung hat man dann festgestellt, dass Patienten unter Primidon weniger zitterten, so dass es als Mittel der Wahl bei einem essentiellen Tremor gilt. Man muss das Präparat langsam eindosieren, da es sonst müde machen kann. Manche Patienten leiden hierunter weiterhin unter Übelkeit oder Schwindel. Nebenwirkungen treten leider häufig auf und führen nicht selten dazu, dass das Medikament vom Patienten nicht eingenommen werden kann.

Das zweite Medikament ist ein sogenannter Betablocker, also ein Herzmedikament, welches den Blutdruck senkt und das Herz verlangsamt. Vor der Einnahme würde ich ein EKG durchführen und den Blutdruck messen, um zu sehen, ob es möglich ist, dieses Medikament einzusetzen. Auch hierbei treten häufig Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder verminderte Belastbarkeit auf. Ich würde aufgrund des Alters mit Primidon beginnen, da es zusätzlich auch wirksamer ist als ein Betablocker.“

P: „Vielen Dank für die Information. Ich werde zu Hause noch mal darüber nachdenken.“

N: „Alles Gute für Sie.“

 

Anmerkung: Ich habe hier nur die häufigste Differentialdiagnose zu einem Zittern bei der Parkinson-Erkrankung genannt. Es gibt noch einige Erkrankungen mehr, die mit einem Zittern einhergehen. Alle diese seltenen Diagnosen aufzuzählen, wäre aufwendig und meist nicht zielführend, da der essentielle Tremor, der Parkinson-Tremor und der hier nicht aufgeführte dystone Tremor die häufigsten Diagnosen darstellen. Im Einzelfall werden dem Neurologen bei der neurologischen Untersuchung bestimmte Veränderungen auffallen, die auf diese spezifischen Formen hinweisen und zu weiterer, ausführlicher Diagnostik führen können (cMRT, Dat-Scan, LP, genetische Untersuchung, usw.).

Bildrechte: Flickr, elsabeth produccions

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