Ultraschalluntersuchung der Säuglingshüfte

Seit 1996 ist die  Ultraschalluntersuchung der Säuglingshüfte deutschlandweit im Rahmen der U3-Untersuchung fester Bestandteil der Vorsorge.

Obwohl diese Vorsorge nicht 100% verpflichtend ist, ist es dennoch ratsam, sie wahrzunehmen, weil durch diese nichtinvasive, schadfreie Methode frühzeitig behandlungsbedürftige Abweichungen der normalen Hüftanatomie diagnostiziert und einer Behandlung zugeführt werden können.

Methode

Die Hüftsonographie  funktioniert nur in einem engen Zeitfenster (bis etwa 6 Wochen nach Geburt), solange der Hüftkopfkern noch nicht vollständig verknöchert ist. Denn danach ist es mittels Ultraschall unmöglich, das Os ilium, einen Teil des Beckenknochens“ als „landmark“ zu benutzen, weil man es einfach in den Knochenstrukturen nicht mehr erkennen kann. Dieser ist aber unabdingbar für eine korrekte Beurteilung.

Ohne auf die genaue Messtechnik und anatomische Gegebenheiten einzugehen, denn man braucht schon eine große Erfahrung und viele geschallte Säuglingshüften, um diese beurteilen zu können, möchte ich primär die Messung und die Ergebnisse darstellen.

Das Baby wird in einer genormten Schaumstoffschale seitlich gelagert, abgetastet (alles standardisiert) und direkt mit den Eltern im Raum kann die Ultraschalluntersuchung durchgeführt werden. Die Ausmessung erfolgt sofort, so dass gleich die Ergebnisse vorliegen. Die Ultraschalluntersuchung ist strahlungsfrei und vollkommen ungefährlich. Die Kinder sollten möglichst ruhig liegen, aber natürlich wissen auch alle Untersucher, dass Neugeborene dies zumeist nicht tun und sind in der Lage, auch mit unruhigeren Babys zurecht zukommen. Sollten die Kinder allerdings agitiert sein, hysterisch zappeln oder ähnliches, was das Ergebnis beeinträchtigen könnte, sollte die Untersuchung verschoben werden. Dabei muss allerdings unbedingt das kurze Zeitfenster beachtet werden, in dem diese möglich ist.

Messung

Mittels der sogenannten Grundlinie, Pfannendachlinie und Knorpeldachlinie wird der Alpha- und Beta-Winkel ausgemessen und berechnet, von denen das weitere Vorgehen abhängen.

Der Alpha-Winkel ist der Winkel zwischen Pfannendachlinie und Grundlinie, der Betawinkel der Winkel zwischen Knorpeldachlinie und Grundlinie, grob gesagt, einer rechts und einer links der senkrechten Mittelinie, die etwa durch die Mitte des Hüftkopfes verläuft (s. Schema).

Nach Prof. Graf (quasi dem Hüftsonographie“papst“) werden dann  vier Typen unterschieden, die nochmal unterteilt werden können.

Typ I: Alpha-Winkel ≥ 60 Grad, keine Behandlung notwendig

  • Typ Ia: Beta-Winkel ≤ 55Grad
  • Typ Ib: Beta-Winkel > 55 Grad

Typ II : Alpha-Winkel 50 – 59 Grad, Beta-Winkel > 55°, z. T. behandlungsbedürftig

Typ IIa: Alpha-Winkel 50 – 59 Grad zum Zeitpunkt der Geburt, Kontrolle nach 6 Wo

Unterteilung in:

  • Typ II a(+): diese Hüfte wird nach 12 Wochen eine Typ I Hüfte sein
  • Typ IIa (-): diese Hüfte wird die Kriterien einer Typ I Hüfte nicht erreichen und ist somit behandlungsbedürftig (Tübinger Spreizschiene)

Typ IIb: nach 12 Wochen noch kein Alpha-Winkel von 60 Grad (Tübinger Spreizschiene)

Typ IIc: Alpha-Winkel zwischen 43 und 49 Grad, Beta-Winkel kleiner gleich 77 Grad, Hüfte zentriert

  • Typ II c instabil: Hüfte kann mit Druck in Typ D überführt werden
  • Typ IIc stabil, Therapie mit Spreizschiene

Typ D: Alpha-Winkel zwischen 43 und 49 Grad, Beta-Winkel > 77 Grad (Reposition)

Hüfte am Dezentrieren, aber noch nicht luxiert
Die Knöcherne Form dieser Hüften ist sehr mangelhaft, die Erker zu flach
Therapie:  Reposition und Immobilisation im Fettweis-Gips (alternativ Pavlik-Repositionsbandage)

Typ III: Alphawinkel < 43 Grad, Beta-Winkel > 77 Grad (Reposition)
dies entspricht damit einer dezentrierten Hüfte und bedarf sofortiger Therapie

  • Typ IIIa: ohne Strukturstörung
  • Typ IIIb: mitStrukturstörung des Erkers

Reposition und Fettweis-Gips

Typ IV: Alpha-Winkel < 43 Grad, knorpeliger Erker nach caudal verdrängt (Reposition)
Reposition und Fettweisgips

Therapie

Bei nur gering auffälligen Hüften, z. B. Typ IIa(+), kann  unterstützend mit breitem Wickeln oder in korrekten Tragehilfen mit etwas breiterem Steg  behandelt werden.


Die Hüften mit tatsächlicher Verknöcherungsverzögerung müssen intensiver behandelt werden. Genannt wurde die Tübinger Spreizschiene, ein System, bei dem die Kinder in mindestens 90° Hüftbeugung und 60° Abspreizung der Hüfte eingestellt werden. Diese ist 24 Stunden am Trag zu tragen (Foto: Tübinger Spreizschiene).

 

Natürlich – und das wissen auch alle betroffenen Ärzte/Kinderärzte – ist diese Diagnose ein Schock für die Eltern und so eine Schienenbehandlung nicht „mal eben“ erklärt. Die Eltern haben viele Fragen, was die weitere Behandlung oder auch das normale Handling wie Hygiene, Windeln wechseln und so weiter angeht. Am meisten machen sie sich darüber Sorgen, wie die Kinder dies wohl verarbeiten werden. Unsere Erfahrungen zeigen aber, dass die Kinder dabei wirklich das geringste Problem darstellen, da sie die Behandlung meistens gut hinnehmen. Der Bewegungsdrang bei so Kleinen ist ja noch nicht allzu ausgeprägt. Aber die Eltern machen sich oft Vorwürfe und viele Gedanken.

Hochgradig instabile Hüften müssen direkt nach Diagnose im Krankenhaus wieder korrekt eingestellt und dann mit einem speziellen Gips (genannt Fettweis) zur vollständigen Ruhigstellung der Hüfte versorgt  werden. Dieser wird am einfachsten in Narkose oder Sedierung angelegt, obwohl dies für die Eltern wiederum Ängste bedeutet.

In dem Gips sitzen die Kinder quasi in „Sitz-Hock-Stellung“ (mehr als 100° Beugung und 50-60 Abspreizung). Die Belastung für die Eltern und die Sorgen sind hierbei umso größer und sollten ernst genommen werden. Anders als für die Ärzte ist dies für die besorgten, oft Erstlingseltern, alles unschönes Neuland.

Meistens kann der Fettweisgips nach einigen Woche zur Tübinger Schiene geändert werden, wenn eine Nachreifung im Ultraschall erfolgt ist.

Es gibt noch eine Alternative zum Gips, die sog. Pavlik-Bandage. Auch sie bietet etwa 100° Beugung und bis 60° Abspreizung, das Kind kann strampeln und die Hüfte kann dadurch besser „arbeiten“. Sie muss direkt auf der Haut getragen werden und darf (ebenso wie der Gips) in den ersten Wochen nicht abgenommen werden. Erfahrungsgemäß ist die Compliance beim Gips etwas höher.

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