Gewalt in der Geburtshilfe – Großes Glück und tiefe Narben

Glück und Leid liegen oft nah beieinander. Eine Geburt stellt in der Regel einen der größten Glücksmomente im Leben einer Frau dar. Vergessen sind die schwierigen Momente der Schwangerschaft oder die Schmerzen während des Geburtsvorganges, sobald man diesen einen kleinen Menschen sieht, hört, fühlt und riecht, der ab nun Teil eines neuen Lebens sein wird.
Doch nicht immer ist dieser Moment des Glückes wirklich rein. Oft bleiben Narben zurück, nicht nur am Körper, auch an der Seele der Mutter.
Viele Frauen leiden jedes Jahr unter Gewalt in der Geburtshilfe. Unterstützung oder Verständnis erfahren sie dabei selten. Das Kind sei ja schließlich gesund, da spiele alles andere doch keine Rolle mehr, heißt es häufig. Doch es spielt eine Rolle! So können diese Erfahrungen unter der Geburt die Frauen maßgeblich prägen, posttraumatische Belastungsstörungen, postpartale Depressionen oder sogar Psychosen auslösen. Auch auf die Kinder kann dieser Stress unter der Geburt später starke Auswirkungen haben.
Die Geburt stellt für Mutter und Kind die sensibelste Phase ihrer Beziehung dar und stellt den Grundstein für die spätere Beziehung und Bindung zueinander und zu anderen.
Personalmangel und das mangelnde politische Interesse an der Lage der Geburtshilfe in Deutschland stellen mit Sicherheit einen der größten Problemfaktoren dar.
Die Rosenrevolution
Frauen, die Gewalt unter Geburt erlebt haben, können sich bei Roses Revolution beteiligen. Damit dem Krankenhauspersonal eine Rückmeldung geben, in Kommunikation treten und ein Stück Trauerarbeit leisten. Auch ihre Partner und ihre Familie können sie unterstützen.
Die Aktion „Roses Revolution“ gegen Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe findet am 25.11.2017 zum 5. Mal statt: Rosen werden als Zeichen des Protests am Ort der Gewalt niedergelegt, Fotos davon gepostet oder anonym veröffentlicht – auf der Roses-Revolution-Deutschland-Facebookseite, auch Geburtsberichte werden den alltäglichen Skandal bezeugen.
Babys, Mütter und Familien brauchen würdevolle Geburtshilfe. Die Geburtshelfer entsprechende Arbeitsbedingungen. Gemeinsam für würdevolle Geburtshilfe.
(http://www.gerechte-geburt.de/home/roses-revolution/2017-flyer/)
Die Geschichte von M.
M. ist 28 Jahre alt und erwartet ihr erstes Kind. Natürlich ist sie sehr aufgeregt und hat viele Wünsche und Pläne für die Zukunft mit diesem kleinen Wunder und für die Geburt. Sie besucht einen Geburtsvorbereitungskurs, Yoga für Schwangere und liest viele Bücher und Artikel zu diesem Thema. M. arbeitet im Gesundheitswesen und konnte auch schon mehrmals Einblicke in den Bereich der Geburtshilfe und der Betreuung von Frauen im Wochenbett und der Pflege von Neugeborenen sammeln. Sie nimmt alle Vorsorgetermine wie empfohlen wahr und findet auch eine sehr nette Hebamme, die mit ihrer Frauenärztin in einer Praxis zusammenarbeitet.
Heute ist M. in der 40. Schwangerschaftswoche, ein neuer Termin bei ihrer Frauenärztin steht an und M. möchte mit ihr darüber reden, dass sie sich sehr unwohl fühlt. M. hat seit zwei Tagen starke Kopfschmerzen und ein sehr aufgedunsenes Gesicht, fühlt sich immerzu müde und schafft es kaum noch aus der Wohnung. Der Weg in den nächsten Ort, zur Praxis der Ärztin, ist schon die reinste Tortur für M.. Sie kann kaum im Auto sitzen, bekommt wenig Luft, und das Gehen fällt ihr schwer.
Endlich in der Praxis angekommen, wird M. sofort hereingebeten. Auch der Ärztin und der Hebamme fällt sofort der Zustand von M. auf. Der Blutdruck ist stark erhöht und M. hat massive Wassereinlagerungen am Körper und im Gesicht. Der Urintest zeigt erhöhte Nierenwerte und im Ultraschall zeigt sich, dass sich die Fruchtwassermenge an der unteren Grenze hält, was die Ärztin dazu veranlasst, M. sofort in die große Geburtsklinik in der Nähe zu verlegen. Die Diagnose: beginnende Gestose (Schwangerschaftsvergiftung).
M. und ihr Mann fahren sofort los, die Geburtsklinik liegt nur 3 Fahrminuten weg, die Tasche für die Geburt liegt schon seit 2 Wochen gepackt im Kofferraum. Die Aufregung ist groß und sie machen sich große Sorgen. So haben sie sich das nun alles nicht vorgestellt, aber es wird sicher gut gehen. Erste kleine Wehen waren im CTG schließlich auch zu erkennen und so fassen sie Mut, denn sie werden sicherlich bald ihr kleines Wunder in den Armen halten können.
In der Klinik angekommen wird M. sofort in den Kreißsaal geschickt. Dort angekommen nimmt ihr eine ältere, patent wirkende Hebamme die Einweisung ihrer Frauenärztin ab und sieht sie fragend an. Was sie nun damit denn solle?
M. versteht die Frage nicht, da alles nötige darauf vermerkt ist, und die Frauenärztin vor ca. 10 Minuten mit der Klinik telefoniert hatte.
Ob das Kind denn jetzt geholt werden solle, fragt die Hebamme, ob M. denn einen Kaiserschnitt möchte? Ob es denn wirklich so dringend sei?
M. kann kaum denken, die Kopfschmerzen und die Sorge um das Kind quälen sie sehr.
M. verbringt insgesamt 7 Stunden in der Klinik an diesem Tag, meist im Wartebereich des Kreißsaals. Sie wird zweimal per Ultraschall untersucht, es wird Blut abgenommen und eine weitere Urinprobe untersucht. Alle 30 Minuten wird ihr der Blutdruck gemessen. Alle Untersuchungen bestätigen die Diagnose der Frauenärztin.
M. bekommt nichts zu trinken angeboten und so besorgt ihr Mann zwei Flaschen Wasser und zwei trockene Laugenbrötchen in der Cafeteria.
M. wird aber auch nicht aufgenommen. Die Tür des Stationsstützpunktes steht auf und M. hört, wie sich die Hebamme mit dem Oberarzt unterhält. Es sei kein Wunder, dass M. so hohen Blutdruck habe, meint die Hebamme, mit ihrem Gewicht hätte das schließlich jede Frau. Der Oberarzt lacht und meint, er würde gleich zu M. und mit ihr alles besprechen, die Hebamme solle ihr etwas gegen die Kopfschmerzen geben.
M. schämt sich sehr, sie hatte während der Schwangerschaft wirklich viel zugenommen, konnte keinen Sport mehr machen, und die Schwangerschaftgelüste nach Schokoladeneiscreme hatten sie fest im Griff. Die Hebamme kommt, gibt M. einen Zettel auf dem der Name eines homöopathischen Mittels steht und schickt sie in einen kleinen Raum zum Warten. Der Oberarzt kommt und sagt M., die Frauenärztin habe zwar recht, aber alles nicht ganz dramatisch sei und es ihrem Kind noch gut ginge, daher könne man noch etwas warten. Man habe im Moment auch keinen Kreißsaal frei, so dass M. besser noch mal kommen solle, wenn die Wehen wirklich einsetzen oder sich irgendetwas verschlimmere.
M. fuhr mit ihrem Mann nach Hause und weinte viel. M. muss von nun an jeden Tag zur Frauenärztin.
Vier Tage später wacht M. von starkem Ziehen im Bauch auf. M. weiß sofort, dass es Wehen sind und weckt ihren Mann. In der Praxis ihrer Frauenärztin bestätigt das CTG die Wehen und M. fährt glücklich und aufgeregt mit ihrem Mann nach Hause alles vorbereiten. Die Wehen verschwinden wieder und M. weiß, dass dies normal ist und macht sich keine Sorgen.
Sie wird, nach nur wenigen Stunden Schlaf, erneut von Wehen geweckt. M. geht in Ruhe duschen, und als die Wehen stärker werden und in einem Abstand von 10 Minuten kommen, weckt sie ihren Mann.
Sie fahren erneut zum Kreißsaal und werden dieses Mal von einer jungen und sehr freundlichen Hebamme begrüßt. Während diese M. untersucht, platzt auch die Fruchtblase und M. weiß nun sicher, dass es bald so weit ist.
Doch auch dieses Mal verschwinden die Wehen wieder, und M. beginnt sich Sorgen zu machen. Sie läuft mit ihrem Mann die Treppen des Krankenhauses auf und ab, geht mit ihm kurze Wege spazieren und versucht sich abzulenken, doch es passiert nichts. Die nette Hebamme und die Ärztin besprechen mit M. das weitere Vorgehen. M. soll am nächsten Morgen eingeleitet werden mit Tabletten und muss Antibiotikainfusionen erhalten, damit ihr Kind durch die offene Fruchtblase keine Infektion bekommt. M. willigt ein, ihr wird nichts anderes vorgeschlagen und sie ist kaum noch in der Lage zu denken. Sie hat weiterhin Kopfschmerzen und ist unendlich müde.
Auch die folgende Nacht gestaltet sich wieder weitgehend schlaflos für M., und so nimmt sie bereits sehr früh die Tabletten zur Geburtseinleitung ein. Bereits 30 Minuten nach der Einnahme, beginnen die ersten Wehen. Sobald die Tabletten aufhören zu wirken, sind sie jedoch auch wieder verschwunden. Die Hebammen haben in dieser Zeit Schichtwechsel und M. wird von einer ruhigen, gelassenen Frau in ihrem Alter betreut, die sie zum ersten Mal auch persönliche Dinge fragt, wie den Namen des Kindes oder welche Musik sie gerne hört. So nimmt M. an diesem Tag drei Mal die Tabletten und wird am Abend völlig erschöpft zurück in ihr Zimmer gebracht. Etwa eine Stunde nachdem M. eingeschlafen ist, wird sie durch starke Schmerzen und Zittern am ganzen Körper geweckt. M. schafft es kaum aufzustehen und klingelt nach einer Schwester. Diese kommt, misst M. die Temperatur, die jedoch im Normbereich liegt, und bringt M. hinüber in den Kreißsaal. Dort angekommen wird M. von einer neuen Hebamme begrüßt, die sie erstmal umarmt und versucht ihr Mut zu machen. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht im Kreißsaal, verschwinden die Wehen erneut. Eine neue Hebamme kommt zur Frühschicht und bespricht mit M., dass sie nun die Einleitung über einen Oxytocin-Tropf versuchen möchten. Dieser verstärkt die Wehen, leider aber auch die Schmerzen, weshalb sie dies bei M. nur mit Unterstützung durch eine PDA anwenden werden. M. bittet darum, auf die PDA zu verzichten; bittet darum in die Geburtswanne zu können, denn sie hat das Gefühl, dass dies gut für sie sei und sie bittet darum, laufen zu dürfen oder andere Positionen einzunehmen, denn bisher durfte M. nur auf dem Rücken liegen, um regelmäßig CTGs durchführen zu können, obwohl es ihrem Kind wirklich gut ging.
Die Hebamme lächelt nur sanft und von hinten schiebt sich ein Mensch im blauen Kittel in den Raum: der Anästhesist. Er erklärt M., wie eine PDA funktioniert und was er nun tun wird. M. hört nicht zu, nickt nur und bittet nochmals, in die Geburtswanne zu dürfen. Doch auch diese Hebamme hört nicht zu und dreht sich um, um die benötigten Medikamente aufzuziehen.
Nun liegt M. mit der PDA und dem Oxytocin Tropf im Kreißsaal. Es ist inzwischen Mittagszeit und die Hebammen haben Schichtwechsel. Vor M. steht nun die ältere Hebamme, die sie vor einer Woche so gedemütigt hat. Sie weist M. schroff zurecht, dass sie stilliegen solle. M. hat starke Schmerzen im Rücken und der Hüfte beim Liegen und würde so gerne die Position wechseln. M. fragt, ob sie etwas zu essen haben könne, da sie wirklich großen Hunger habe. Sie habe seit ihrer Aufnahme vorgestern noch kein Essen von der Klinik bekommen, woraufhin die Hebamme entgegnet, dass M.s Mann in der Cafeteria etwas besorgen könne. Dieser kümmert sich während all der Zeit mit all seiner Kraft um M., ist jedoch selbst nicht mehr in der Lage, noch etwas zu sagen und geht los zu Cafeteria.
M. verspürt starken Harndrang. Sie klingelt nach der Hebamme, bei der sie alle 5 Minuten nachfragen muss, die Medikation nachzuspritzen. M. ist mittlerweile fast ohnmächtig vor Schmerzen. Auf die Frage, ob die Hebamme M. zur Toilette begleiten könne, entgegnet diese lachend, dass M. nirgends hin könne und einen Blasenkatheter bekomme, schließlich könne sie mit der PDA nicht mehr laufen.
M. bittet die Hebamme zu warten bis die Wehe vorbei sei, doch diese hörte nicht und legt M. den Blasenkatheter. Ab diesem Zeitpunkt kommt die Hebamme 20-minütig, um den Muttermund bei M. zu tasten. M. empfindet dabei große Schmerzen und bittet mehrfach, darauf zu verzichten. Doch auch diese Bitte wird nicht erhört. Sie spreizt M. unsanft die Beine und schiebt ihre Hände in M.s Unterleib, alle 20 Minuten. M. weint jedes Mal leise. M. ist kaum noch anwesend. Sie starrt nur noch auf die Uhr und hält die Hand ihres Mannes, der allem nur ohnmächtig zusehen kann. In diesem andauernden Schmerz zählt sie jede Sekunde und betet zu ihrem Kind, dass es doch zu ihr kommen möge um dies alles zu beenden. Stundenlang.
M. ist müde, kraftlos und hoffnungslos, doch sie bemerkt plötzlich, dass sich die Wehen verändern. Etwas drückt mit starker Kraft nach unten, etwas zwingt sie zum Pressen und sie kann gar nicht dagegenhalten, nichts dagegen tun. M. klingelt, und als die Hebamme hereintritt und sie ihr sagen möchte, dass sie endlich Presswehen hätte, tauchen hinter der Hebamme weitere Menschen auf. M. wird der Tropf abgehängt und etwas gespritzt. Sie sagt noch, dass sie Presswehen habe, doch als Erwiderung kommt nur: “Jetzt nicht mehr, wir machen einen Kaiserschnitt.“
M. fragt wieso? Es gehe ihrem Kind schlecht. M. sieht sich das CTG an, sie kann keine Indizien dafür erkennen. M. kann ein CTG lesen, hat dies gelernt, M. sieht nochmals nach, sieht auf den Monitor, doch sie sieht nichts Auffälliges. M. versucht etwas zu sagen, doch da hebt man sie bereits auf den OP-Tisch. M. fühlt sich wie in einem Alptraum, sie hört den Chirurgen sagen, dass er nun anfange und merkt die Spitze des Skalpells. M. kann noch rechtzeitig rufen, dass sie alles spüre und es dauert nochmals einige Minuten, bis M. wirklich nichts mehr spürt. M. bittet, bei der OP zusehen zu dürfen, bittet um einen Spiegel. M. war oft bei OPs dabei, M. beruhigt es zu sehen, was passiert. M. wird erneut ignoriert. M. weint und irgendwann wird ihr übel und kurz bevor ihr schwarz vor Augen wird, hört sie den Chirurg noch sagen, dass sie ein wunderhübsches Mädchen mit wundervollen langen Wimpern bekommen hat.

Das Ende des Leids
Man sollte meinen, M. hätte in diesen Tagen genug Gewalt erfahren, doch es ging auch nach der Geburt noch Tage und Wochen weiter. Die Geschichte von M. ist nicht erfunden und fand vor 3 Jahren so hier in Deutschland statt. Diese Geschichte zog lange Therapien nach sich, und an manchen Tagen weint M. noch immer, wenn sie an das Erlebte denken muss. M. kann sich auch nach drei Jahren immer noch nicht vorstellen, erneut ein Kind zu bekommen. Zu tief sitzt die Angst davor, dass sich diese Erfahrung wiederholt. Am Ende gab es mit ihrer Tochter viel Glück in ihrem Leben, doch der Schmerz und das Leid werden für M. immer greifbar bleiben. Sichtbar ist nur die kleine Narbe des Kaiserschnittes, diese ist verblasst und kaum noch sichtbar, doch die Narben an der Seele sitzen tief und sind immer noch frisch.

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